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"Tanzen ohne Hinzuhören kann wertvollen Respekt zerstören"

Mädchentanzgruppe will Hip Hop ohne Frauenfeindlichkeit und Rassismus

Die Hip Hop-Kultur mit Rap-Musik, ihrem besonderen Kleidungsstil und Körperbewußtsein drückt das Lebensgefühl vieler Jugendlicher aus. Frauen und Männer finden hier Ausdrucksformen, in denen sie sich wiedererkennen und darstellen wollen. Die Sprache im Hip Hop ist emotional. Sie will provozieren und Tabus brechen. Kritisiert werden die Texte männlicher Rapper immer wieder wegen rassistischer oder homophober Äußerungen. Dass sie extrem frauenfeindlich sind, gilt fast schon als normal. B2C-Ladyz nennt sich eine Mädchentanzgruppe in Berlin. Die jungen Frauen lieben Hip Hop und treten mit eigenen Texten und Choreographien dem Sexismus in der Szene entgegen. Finden sie Gehör? Ute Schmitt sprach für die DDS mit Bettina Lutze-Luis Fernandez. Sie leitet das Centre Talma, ein Mädchensportzentrum & Eventcenter der GSJ Berlin, wo sich die B2C-Ladyz gründeten.

DDS:
Bettina, seit wann gibt es die B2C-Ladyz und wie kam es zur Gründung?

Bettina Lutze-Luis Fernandez:
Die B2C-Ladyz wurden von meiner Kollegin Marnie Mayer gegründet. Sie leitet 9 Hip Hop-Tanzgruppen im Centre Talma in verschiedenen Altersgruppen. Die B2C-Ladyz bestehen seit 2005 und ihre Mitgliederinnen wechseln, bedingt durch Ausbildung oder Studium, Wegzug oder Familienplanung. Es werden junge Frauen angesprochen, die für ein intensiveres Tanztraining offen sind und darüber hinaus Themen ihrer Lebenswelt engagiert bearbeiten.

DDS:
Und warum gerade Hip Hop?


Bettina Lutze-Luis Fernandez:
Hip Hop ist ungebrochen aktuell in der Jugendkultur. Das gilt für alle 4 Säulen des Hip Hop: DJ bzw. DJane, Tanz, Musik und Graffity. In den Anfängen des Hip Hop war das zentrale Thema Respekt gegenüber Minderheiten. Alle Bereiche des Hip Hop sind inzwischen im Mainstream angekommen. Auch der Tanz, auf der Straße entstanden und getanzt, hat sich zur anerkannten Bühnentanzform entwickelt.

Das Frauenbild im Hip Hop braucht einen Gegenentwurf


DDS:
Welche Ziele hatten die B2C-Ladyz bei der Gründung? Haben sich ihre Erwartungen erfüllt?

Bettina Lutze-Luis Fernandez:
Unser Ziel war und ist, dass wir gemeinsam mit den Jugendlichen das Frauenbild im Hip Hop analysieren, die englischsprachigen Texte ins Deutsche übersetzen und an der Entwicklung eines Gegenentwurfs zum Geschlechterbild arbeiten. Wir wählen "cleane" oder instrumentale Musikstücke aus und erarbeiten gemeinsam Choreographien ohne sexualisierte Moves mit entsprechender Kostümauswahl. Was als Arbeit mit Hip Hop-Texten begann, zieht sich gegenwärtig als Querschnittsaufgabe durch alle Bereiche: Pornographisierung der Gesellschaft und die Auswirkungen auf Heranwachsende. Kinder und Jugendliche müssen sich tagtäglich mit einer stark sexualisierten Gesellschaft auseinandersetzen. Sie können sich einer ständigen Reizüberflutung in den Medien (Pornographie), Songtexten (frauenverachtend, sexistisch), Moderationen ("Du hast sexy Augen") nicht entziehen. Comedians haben besonders dann Erfolg, wenn sie die alten Rollenschemata bedienen - so wie es etwa Mario Barth tut. 8jährige üben an ihrem Hüftschwung - "der muss sexy sein". Bei "Germanyës Next Topmodel" lernen die Kandidatinnen unter Tränen und ganze Mädchengenerationen mit ihnen, dass sie sich erst frei fühlen können, wenn sie sich vor einem Millionenpublikum ausziehen, in 14 cm hohen High Heels laufen können und den Stangentanzworkshop erfolgreich absolviert haben. Wir wollen also zeigen, wie Frauen im Hip Hop auch sein können. Genau so wichtig wie die Umsetzung dieser Botschaft ist das Tanzen. Die Mädchen zeichnen sich durch ein hohes Trainingsengagement und die damit erreichte Qualität des Tanzes in verschiedenen Hip Hop-Stylz aus und präsentieren die Projektarbeit Berlin-weit und darüber hinaus. Kreativität, Spaß und Gruppenzusammengehörigkeit sind immens.

DDS:
Wenn Du von Projektarbeit sprichst, meinst Du Euer Projekt Respect Girls, wovon die B2C-Ladyz ein Teil sind. Kannst Du mehr über das Projekt sagen?

Bettina Lutze-Luis Fernandez:
Mit Projektarbeit meine ich unseren Arbeitsansatz: die Verbindung zwischen den Inhalten des Sports und den Ansätzen der geschlechtsbewuflten Jugendsozialarbeit. Seit 2006 gehen wir mit unserem Projekt Respect Girls in die Öffentlichkeit. Das heißt Umsetzung des Themas in den Choreographien und einer mobilen Ausstellung, designen eines eigenen Logos, Organisation eines Hip Hop-Fachtages in Reinickendorf, Vorträge in Ausschüssen, Gremien und Fachtagungen, sowie die Erarbeitung eines Raps. Der Mut der Jugendlichen, sich immer wieder öffentlich zu diesem Thema zu positionieren, ist zu bewundern. Denn in den ersten Jahren fielen die Reaktionen selten positiv aus: Hausmeister bauten unsere Ausstellung w‰hrend unserer Veranstaltung Showtime ab - "zu sexistisch"-; Eltern kritisierten, dass wir die Kinder erst mit entsprechenden Ausdrücken konfrontieren, die sie bislang nicht kannten - Pädagogen und Sozialpädagogen kritisierten Zensur und fürchteten ihre Klientel zu verlieren. Dann aber kam unsere Botschaft an: 2007 erhielten wir für Respect Girls die Sterne des Sports als Auszeichnung für Präventionsarbeit im Bereich der verbalen Gewalt. Seit unserem Auftritt beim deutschen Frauenrat werden wir bundesweit eingeladen, 2012 nach Hannover und München. In München referierten wir zum Thema Sexualisierung und Auswirkung auf Kinder und Jugendliche. Wir stellten das Centre Talma und das Projekt Respect Girls vor. Die Mädchen traten vor dem Münchner Fachforum gegen Gewalt auf und diskutierten im Anschluss daran intensiv mit den Frauen. Diese Erfahrung machte sie sehr stolz und selbstbewusst auf das Erreichte.

Stereotype Geschlechterrollen durchschauen lernen

DDS:
Die Darstellung von Geschlechterrollen kann unterschiedlich interpretiert werden. Wie merkt Ihr, ob Eure Botschaft so beim Publikum ankommt, wie Ihr das beabsichtigt?

Bettina Lutze-Luis Fernandez:
Ein Beispiel: Beim Berliner Jugendforum im Abgeordnetenhaus zeigten wir als Auftakt unsere Hip-Hop-Nummer Respect Girls und diskutierten mit Politikerinnen aus drei Parteien äußerst kontrovers zum Thema "Alles Pussies oder was? Frauenbilder in der Popkultur". Die Mädchen begegneten teilweise einer Haltung, die davon ausgeht, dass die sexualisierte Darstellung von Frauen in der Popkultur die weibliche Selbstbestimmung ihrer Sexualität ausdrücke und Empowerment bedeute.

DDS:
Wie gingen sie mit dieser Haltung um? Was haben sie geantwortet?

Bettina Lutze-Luis Fernandez:
Sie stellten ihre Sicht auf die Medienwelt dar und machten klar: Sex sells. Viele Menschen, vor allem Kinder und Jugendliche, erkennen die Provokation nicht, die sich dahinter verbirgt, also wie zum Beispiel Lady Gaga provozierend mit Geschlechterrollen spielt und sich damit bestens verkauft.

DDS:
Welche Entwicklungen konntest Du an den B2C-Ladyz miterleben?

Bettina Lutze-Luis Fernandez:
Herausbildung eines besonderen Selbstwertgefühls und -bewusstseins mit anschließender Handlungskompetenz. Die Mädchen vertreten unser Projekt Respect Girls in allen Kontexten weit über das Centre Talma hinaus. Sie arbeiten zudem an Themen wie Psychiatrie, Angsterkrankungen, sexuelle Gewalt, aber auch an lustbetonten, humorvollen Choreographien. Die Erfahrung, Missstände nicht hinnehmen zu müssen, sondern aktiv werden zu können, steht im Gegensatz zu einem oft lähmenden Gefühl bei Kindern und Jugendlichen, in einer globalisierten Welt jeden Handlungsspielraum verloren zu haben. Zunehmend werden vielfältige Themen ihrer Erlebniswelt in den Choreographien aufgegriffen und umgesetzt. So entwickelte die Gruppe Funky Stylz das Stück "Fashion Show": "Ob groß oder klein, dünn oder dick, blond oder brunett..., sei die, die du willst und nicht die andere wollen". Am Schluss gibt es für jede ein Foto in Anspielung auf Heidi Klums Topmodelshow, in der sich alles darum dreht, ein Foto zu erhalten anstatt raus zu fliegen. Andere Gruppen entwickeln Stücke zu Themen wie der medialen Darstellung der Frau (MassMediaFrauen) und zeigen verschiedene Lebenswege des Ruhms mit dramatischen Todesfolgen durch Alkohol, Drogen, Sex sells und ähnliches. Oder sie unterhalten mit Stücken, in denen sie verschiedene Sportarten, Kinogenres, Zukunftsvisionen und vieles mehr entwickeln.

DDS:
Werden Frauen im Hip Hop die Ausnahme bleiben?

Bettina Lutze-Luis Fernandez:
Sie sind es nicht und werden es auch nicht sein.

Bettina, wir danken Dir für dieses Gespräch.

Interview hier als PDF downloaden!




Let's Dance: Aber politisch korrekt, bitte!
Videointerview mit den B2C-Ladyz

Unser "Du hast die Macht"-Moderator Daniel will tanzen! Aber nicht in irgendeiner x-beliebigen, drittklassigen Tanzschule. Nein, Daniel will von den Besten der Besten lernen und hat sich deshalb die "B2C angeschaut. www.duhastdiemacht.de





Den Respect Girls Song gibts hier bei Soundcloud zu hören!

01 - RESPECT GIRLS by Respect Girls Song

Auszug aus dem Interviews mit der Leiterin des Centre Talma Bettina Lutze- Luis Fernandez über das Projekt "Respect Girls":

Johanna, Regina und Miriam (8b, Katholische Schule Salvator): "Worum geht es bei dem Projekt 'Respect Girls'?"
Bettina Lutze- Luis Fernandez: "Bei 'Respect Girls' geht es darum, dass in vielen Hip Hop- Texten oft zu Gewalt aufgerufen wird und dass die Texte häufig sehr frauenfeindlich, sexistisch oder homophob sind. Oft wird eine bestimmte Gruppierung diskriminiert. Am Anfang waren es nur 'leichte' Schimpf- und Kraftwörter. Inzwischen werden Sexualpraktiken und Gewaltaktionen beschrieben. Deswegen übersetzten wir viele der angesagten Texte, um zu überprüfen ob sie 'clean' sind. Wenn sie es nicht sind, schneiden wir die Textstellen heraus oder verwenden von vornherein nur 'cleane' Songs zu denen wir Hip Hop tanzen."



Johanna, Regina und Miriam: "Wie wird 'Respect Girls' aufgenommen?"
Bettina Lutze- Luis Fernandez: "Von den Zuschauern wurde Respekt Girls sehr positiv aufgenommen. Viele Leute haben die T-Shirts nachgefragt."

Das gesamte Interview gibts hier als PDF zum downloaden!



STERNE DES SPORTS



Der "Große Stern des Sports" in Bronze für Reinickendorf geht an den Verein für Sport und Jugendsozialarbeit.
Gewalt scheint in Deutschland in vielen Jugendkulturen auf dem Vormarsch zu sein. Gerade in Berlin sind gewalttätige Auseinandersetzungen leider fast an der Tagesordnung.




Den Boden für diese Entwicklung bilden die Sprache und den Umgangston miteinander, wenn sie die Gewalt verherrlichen und positiv glorifizieren. Die Gewalt mit all ihren Formen darf aber in unserer Gesellschaft nicht zur Normalität werden. Dieser Auffassung ist auch unserer Preisträger aus dem Bezirk Reinickendorf.

Er hat daher erste Anstrengungen unternommen, schon die Entstehung von Gewalt an der Wurzel zu bekämpfen. Vor wort-gewaltigen Ausdrücken sollen die Menschen wieder Respekt bekommen. Vor allem HipHop- Kultur und Rap- Musik haben in diese Richtung ein schlechtes Image. Es gibt immer wieder vor allem männliche Sänger, die mit ihren Worten und Sätzen die Gewalt als Mittel der Konfliktlösung umschmeicheln.



Mit diesem Trend will sich unser Sportverein in Kooperation mit Nachbarvereinen und Schulen in einem Projekt auseinandersetzen. Er hat diese Arbeit seit 2005 in seine bestehenden Dance-Angebote zu Live-Rap für Mädchen integriert. Die Mädchen - aber auch die Jungs als ihre Freunde aus dem Kiez, sollen die Musik nicht nur konsumieren. Sie sollen sich klar machen, was dort gesungen wird. Sie sollen überlegen, was sexistische Hintergründe in Wirklichkeit bedeuten.
Natürlich dürfen die Jugendlichen den Spaß am Tanzen nicht verlieren. Aber bei der Auswahl der Musik sollen sie mit mehr Umsicht und Respekt vorgehen. Immer wieder sollen schlechte und missverständliche Textpassagen angesprochen und verdeutlicht werden.
Weitere Infos hier als PDF downloaden!